Meistererzählungen – Collected Stories

Worum geht’s?

Mit ihren avantgardistischen Romanen gehört Virginia Woolf neben Autoren wie Joyce und Proust zu den wichtigsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Doch nirgendwo zeigt sich Woolfs meisterhaft experimenteller Stil deutlicher als in ihren Kurzgeschichten, von denen dieser Band alle zu ihren Lebzeiten erschienenen versammelt. In Texten wie »Ein Geisterhaus« und »Montag oder Dienstag« sind konventionelle Erzählstrukturen aufgebrochen zugunsten eines fast traumartigen Bewusstseinsstroms. Wie mit einem Blitzstrahl leuchtet Woolf die Details der Szenen aus, deren Sog sich der Leser kaum entziehen kann.

Meine Meinung

Neben bekannteren Werken wie „Mrs. Dalloway“, „Orlando“ und „Ein eigenes Zimmer“/„Ein Zimmer für sich allein“ gehört zu Virginia Woolfs lesenswerten Werken auch eine Vielzahl an Kurzgeschichten, die der Anaconda-Verlag dankenswerterweise in diesem Buch gesammelt hat.

Everything´s moving, falling, slipping, vanishing. … There is a vast upheaval of matter. / Alles bewegt sich, fällt, entgleitet, verschwindet … Etwas Gewaltiges erhebt sich. (Virginia Woolf – The mark on the wall / Der Fleck an der Wand)

Erfreut bin ich dabei vor allem über die Tatsache, dass das Buch eine zweisprachige Ausgabe ist. Ich bevorzuge es prinzipiell Bücher in ihrer Originalsprache zu lesen (sofern es nicht übers Englische hinaus geht), besonders Klassiker, da man dort dem Gedankengut, das der Autor, die Autorin oder teilweise die ganze Autorengruppe dem Leser vermitteln möchte, so nah wie möglich kommt. Leider befinden sich bei fremdsprachigen Werken dennoch viele Sprachbarrieren (zum Beispiel Wortwitze o.ä. die bei der Übersetzung in die deutsche Sprache verloren gehen). Und obwohl vieles dafür spricht, zumindest Klassiker in ihrer Originalsprache zu lesen, habe ich mich dennoch nicht an Virginia Woolf heran getraut, da ihr Stil – mit aller Bewunderung – eher schwierig ist. Die perfekte Abhilfe schafft diese zweisprachige Ausgabe, die es dem Leser ermöglicht, die Kurzgeschichten auf beiden Sprachen mehr oder weniger parallel zu lesen. Dabei zog ich es vor, abschnittsweise zunächst das englische Original und bei Unklarheiten die deutsche Version anschließend zu Rate zu ziehen.

[…] because once a thing´s done, no one ever knows how it happened. / Denn wenn etwas einmal geschehen ist, vermag niemand je zu erfahren, wie es passierte. (Virginia Woolf – The mark on the wall / Der Fleck an der Wand)

Die Kurzgeschichten an sich besitzen ein breites Spektrum an Themen, verbindend dabei wirkt der schon im Klappentext so gut beschriebene „fast traumartige Bewusstseinsstrom“. Der Fokus der Geschichte verliert sich in Betrachtungen über die Vergangenheit, Hinterfragungen der Gegenwart und Spekulationen über die Zukunft. Dabei war ich mir mehrere Male unsicher, was die Kurzgeschichte nun für eine Moral beziehungsweise einen übergeordneten Sinn besitzt. Was bedeutet es, wenn der Fleck an der Wand kein Nagel oder Blatt sondern eine Schnecke ist? Wie hängt die Frage, ob es Montag oder Dienstag ist, mit dem Flug der Reiher zusammen? Noch sind mir die Zusammenhänge unklar, es scheint jedoch, als wären die beschriebenen Umstände in hohem Grade bedeutend. So lädt das Buch also dazu ein, seine Geschichten wieder und wieder zu lesen, bis der Leser hinter all ihre Symbole und Metaphern gestiegen ist.

I want to sink deeper and deeper, away from the surface, with its hard separate facts. / Tiefer und tiefer möchte ich sinken, fort von der Oberfläche mit ihren harten, zertrennten Tatsachen. (Virginia Woolf – The mark on the wall / Der Fleck an der Wand)

Fazit

Wer sich bereits in Virginia Woolfs anderen Werken mit ihrem Stil anfreunden konnte und nun mehr von ihr lesen möchte, oder wer einfach einen geeigneten Einstieg in die Literatur der Autorin sucht, ist bei den Meistererzählungen gut aufgehoben. Dabei ermöglicht die zweisprachige Ausgabe die Vorzüge sowohl des englischen Originals als auch der deutschen Übersetzung zu genießen. Weitschweifende Betrachtungen laden dazu ein selbst die Gedanken schweifen zu lassen.

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