Die Chroniken der Meerjungfrau – Der Fluch der Wellen

Worum geht’s?

Einst zog ein einsamer Fischer sein Netz an Land und fand darin eine Frau. Eine Frau mit schwarzem Haar und Augen, in denen sich der Sturm des Meeres widerspiegelte. Anstelle von Beinen hatte sie einen Fischschwanz, und obwohl sie die Worte des Fischers nicht verstand, rührte sie seine Einsamkeit, und sie blieb bei ihm. Ihre Liebe dauerte an, bis sein Tod ihn von der unsterblichen Meerjungfrau trennte. Doch Gerüchte über dieses rätselhafte Wesen sind längst laut geworden – und haben die Aufmerksamkeit eines Mannes erregt, der mit seinem Zirkus durch das Land zieht und den Menschen ihre schlimmsten Albträume hinter Gittern vorführt. Sein Name ist P.T. Barnum, und er sucht eine Meerjungfrau …

Meine Meinung

Obwohl ich schon viel von den von Christina Henry neu interpretierten Märchen gehört habe, ist „Die Chroniken der Meerjungfrau“ mein erstes Buch von ihr. Angesprochen hat es mich wegen dem Mythos, wegen der Möglichkeit, dass es Meerjungfrauen – irgendwo im tiefsten Ozean – wirklich geben könnte, an die man, auch wenn man es sich selten eingesteht, auch über das Kindesalter hinaus glaubt.

»Doch nun blickte er noch immer hoffnungsvoll aufs Wasser hinaus, denn es ist der Herzenswunsch aller Fischer, einmal im Leben eine Meerjungfrau zu sehen, etwas Magischem zu begegnen, in der Hoffnung, dass ein Teil der Magie für immer bei ihm bleibt.« (Seite 16)

Höchstwahrscheinlich verhält es sich bei allen Büchern von Autorin Henry so – die schüchterne Hoffnung auf real existierende Magie oder magische Wesen wird bestärkt, die Elemente werden mit Fortschreiten der gelesenen Seiten in unsere Realität verwoben, sodass man mehr und mehr lesen möchte, um an die Magie heran zu kommen, seine kindlichsten Wünsche bestätigt zu wissen.

Auch P.T. Barnum – dessen Figur, wie die Autorin am Ende verrät, ein reales Vorbild besitzt – weiß um diese geheimen Wünsche eines jeden Menschens. Er macht es sich daher zur Aufgabe, diese Wünsche, aber auch die Ängste möglichst gut abzubilden und in seinem Kuriositätenmuseum auszustellen. Dass er mit einem Zirkus durch das Land fährt, wie der Klappentext behauptet, entspricht übrigens nicht den Tatsachen. Vielmehr hat er vor vielen Jahren ein altes Gebäude in New York gekauft und versucht seitdem den Kredit abzubezahlen. Dies ist eine Sache, in der sich seine unfassbare Geldgier begründet. Der Wunsch, immer mehr zu verdienen, wird sich durch das ganze Buch ziehen und Auslöser für viele Handlungen sein. Damit ist Barnum zwar ein starker, aber ein sehr vorhersehbarer Protagonist, beinahe sogar Antagonist.

Weniger vorhersehbar, und umso stärker ist die Hauptperson des Buches: Amelia. Die Leser begegnen ihr ganz am Anfang ihrer Geschichte – wie sie von ihrer Familie davon schwimmt, durch den gesamten Ozean, um von einem Fischer gefangen und wieder frei gelassen zu werden. Und wie Amelia zu ihm zurück kehrt, sich in ihn verliebt und bis zum Ende seines Lebens bei ihm bleibt. Diese Liebe bleibt jedoch auch darüber hinaus und wird auch später im Buch immer wieder thematisiert.

Charakterlich interessant ist dabei die Gegenüberstellung von beiden Lebensweisen. Der Fischer Jack verstand und aktzeptierte Amelia, wie sie war, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten. Sie liebten sich und zusammen das Meer und damit war die Freiheit für beide gegeben. Und in einer kleinen Hütte irgendwo an der Küste brachte niemand diese Harmonie aus dem Gleichgewicht. Anders war es in New York – Amelia eckte bei jedem an. Ob als Mensch oder Meerjungfrau, sie wurde angestarrt, verfolgt, Mal vergöttert, Mal gehasst. Diese extremen Empfindungen bildeten einen Käfig für sie. Als einzigen Ausweg könnte man wohl Levi Lyman bezeichnen, der sich, ähnlich wie Jack damals, in Amelias Wesen und ihre stürmischen Augen verliebt hatte. Seine Liebe war vollkommen und daher fungierte er fortan als Vertreter/Anwalt von Amelia sowie als ihr Beschützer. Dabei wäre es Amelia wohl am liebsten gewesen, wenn sie so jemanden nicht gebraucht hätte.

Denn in ihrem naturgegebenen Selbstbewusstsein und ihrer Stärke ist sie eine sehr emanzipierte Frau. Und jeder Kampf um Mitspracherechte, mehr Freiheit & Selbstbestimmung ist ein Kampf wie er noch heute überall auf der Erde zu oft geführt werden muss. Aus der Position eines Meereswesens ist Amelia legitimiert, die (zu der Zeit der Handlung) alltäglichsten Gegebenheiten zu hinterfragen. Warum muss ich ein Kleid tragen? Warum darf ich abends nicht alleine durch die Straßen wandern? Warum darf ich nicht nackt im Becken schwimmen? Dass es sich so, und nicht anders, gehört, ist für Amelia selten eine zufriedenstellende Antwort.

In diesem Kontext möchte ich auch die Wahl des Untertitels des Buches hinterfragen: „Der Fluch der Wellen“. Was genau der Fluch ist, wird nicht beschrieben. Man könnte mutmaßen, dass es der Ruf des Meeres ist, der Amelia immer wieder in das Wasser zurück bittet. Da Amelia aber nur äußerst selten daran denkt oder gar diesem Ruf folgt, scheint es mir zu wenig zentral zu sein, um danach das Buch zu benennen. Viel mehr kommt da die von den Wellen mitgegebene Freiheitsliebe in Frage, die der Ursprung von allem übrigem – Selbstbestimmung, Bruch mit den Traditionen, Auflehnung gegen das Patriarchat – ist. Und dass ebendies ein Fluch sein soll, schmerzt aus heutiger Sicht sehr. Ich hoffe deshalb sehr, dass der Verlag andere Gründe für die Benennung hatte. Im englischen Original heißt das Buch nämlich nur „The Mermaid“.

Fazit

Christina Henry gelingt es mit „Die Chroniken der Meerjungfrau“ Kindheitswünsche wieder zu beleben und realitatsnäh sowie ein wenig düster zu einem Buch entstehen zu lassen. Dabei bleibt es jedoch thematisch nicht beim einfachen Meerjungfrauenmythos, es geht darüber hinaus auch über die Freiheiten der Frauen. Insgesamt ein schnell zu lesendes, fantasievolles Buch mit starken Charakteren. 

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3 Kommentare zu „Die Chroniken der Meerjungfrau – Der Fluch der Wellen

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